Ecofair Trade Botschafter
10/10/2011

EcoFair Trade Botschafter. Foto: Glopolis


Gemeinsam mit unseren Botschaftern und Botschafterinnen aus Burkina Faso, Indien, Kenia und den Philippinen wollen wir Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger in der EU auf die verheerenden Auswirkungen der Handelsabkommen und der EU-Agrarpolitik aufmerksam machen und Alternativen aufzeigen.

Burkina Faso

Korotoumou Gariko, geb. 1956, ist Bäuerin. Sie besitzt 18 Milchkühe und eine kleine Molkerei. Sie ist Vorsitzende der nationalen Vereinigung der Kleinstmolkereien. „Die EU subventioniert ihre Milch so stark, dass sie Milchpulver billiger als wir anbieten kann“ klagt Gariko, „solche Dumpingangebote zerstören unsere Milchbranche und damit auch mein kleines Unternehmen“. Da es in afrikanischen Ländern kein mit der EU vergleichbares Sozialsystem gebe, würden vielen Menschen dadurch die Lebensgrundlagen entzogen. „Ernährung ist der Motor des Lebens und darf nicht dem Freihandel unterworfen werden“, erklärt Gariko. Sie hält große Stücke darauf, dass achtzig Prozent der Bevölkerung sich bis heute selbst mit Nahrungsmitteln versorgen können. „Die Kleinbauern in Burkina Faso und in den Nachbarländern bestehen auf einem Nein zu den Freihandelsabkommen“, sagt Gariko. „Wir haben in den Straßen der Hauptstadt Ouagadougou gegen das Freihandelsabkommen mit der EU demonstriert, sonst hätte unsere Regierung längst unterzeichnet“.

Maurice Oudet, geb. 1944 in Paris, ist Afrikamissionar. Seit 1972 lebt er in Burkina Faso, hat Fallstudien zur Agrarwirtschaft geschrieben und unterstützt die ländliche Bevölkerung. Mit den Auswirkungen von Handelsabkommen beschäftigt er sich seit der Baumwoll-Krise von 2001. Damals trieb die subventionierte US-Baumwolle den Weltmarktpreis in den Keller. Bäuerinnen und Bauern in Burkina Faso blieben auf ihren Produkten sitzen oder mussten unter Produktionspreis verkaufen. Zusammen mit dem Präsidenten der nationalen Vereinigung der Baumwollbauern und dessen Amtskollegen aus Mali und Benin forderte Oudet in einer gemeinsamen Erklärung, die US-Subventionen vor dem Schiedsgericht der Welthandelsorganisation zu verurteilen. „Das war der Beginn eines langen Kampfes, der bis heute andauert“, sagt der Missionar. Von Freihandelsabkommen mit der EU hält er nichts. „Unsere Länder würden wichtige Zolleinnahmen verlieren und unser Markt mit europäischen Produkten überschwemmt“, so Oudet. Für die Bevölkerung Burkina Fasos sei immer noch das Motto ihres ehemaligen Präsidenten Sankara maßgeblich: „Konsumiert, was ihr produziert. Und produziert mit dem, was euch zur Verfügung steht. Heute heißt das Ernährungssouveränität.“

Indien

Ranja Sengupta, geb. 1968, ist Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie arbeitet heute für die Nichtregierungsorganisation „Third World Network“ und beschäftigt sich vor allem mit den Auswirkungen des EU-Indien Freihandelsabkommens. „Die EU-Exporte bedrohen nicht nur die Existenzgrundlage der Bauern, sondern auch der kleinen, lokalen Industrien, die Agrarprodukte zu Lebensmitteln weiter verarbeiten“, befürchtet Sengupta. Sie setzt auf den traditionell starken Widerstand, der sich u.a. auch gegen die Mitgliedschaft Indiens in der WTO geregt hatte. Vielleicht gelingt es diesmal, so hofft sie, das Handelsabkommen zu verhindern. „Die Ernährungskrise hat die Welt gelehrt, dass sie ihre lokalen Versorgungsstrukturen erhalten muss, um die Ernährung aller sicher zu stellen“.

Sagari R. Ramdas, geb. 1964, ist Tierärztin. 1995 hat sie zusammen mit Nitya Ghotge die NGO Anthra gegründet, deren Ko-Direktorin sie heute ist. Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh setzt sich Anthra zusammen mit Adivasi – der indischen Stammesbevölkerung, Landlosen, Kleinbauern und Hirten für Ernährungssouveränität ein. „Vor allem die Kleinhändler werden unter dem Freihandelsabkommen leiden, denn die großen Supermarktketten wollen den indischen Markt erobern und sie aus dem Geschäft drängen“, sorgt sich Ramdas. Mut machen ihr die vielen Dorfräte, die bereits Erklärungen gegen das Handelsabkommen mit der EU unterzeichnet haben.

Nitya Ghotge, geb. 1964, ist ebenfalls Tierärztin und Mitgründerin von Anthra. Als Ko-Direktorin leitet sie die Arbeit im indischen Bundesstaat Maharashtra. „Auch wenn die gerechte Verteilung oft ein Problem gewesen ist – in den ersten vierzig Jahren der Unabhängigkeit konnte sich Indien selbst ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen“, so Ghotge. „Seit wir die globale Marktwirtschaft mitmachen, haben Armut und Hunger in vielen Regionen Indiens zugenommen, während einige wenige Inder sich Spezialitäten aus fernen Ländern leisten können“. Mit ihrer Organisation fördert sie dörfliche Saatgutbanken, um den Anbau lokaler Sorten – z.B. Hirse - zu fördern und so die Abhängigkeit der Kleinbauern von der Agrarindustrie zu verringern.

Kenia

Hellen Yego, geb. 1956, ist Landwirtin und arbeitet mit in der ProduzentInnenvereinigung NGOMA. Helen Yego hat die Kampagnen der Bauernorganisation gegen das sogenannte „Wirtschaftspartnerschaftsabkommen“ zwischen der EU und den AKP-Staaten (darunter Kenia) mit initiiert. Seit Anfang der 90er Jahre engagiert sich die Landwirtin gegen die Auswirkungen der Handelspolitik auf die Kleinbauern Kenias. 1993 blieben die Landwirte auf ihrer Ernte sitzen. Die staatliche Agentur für den Handel mit Getreide, kaufte sie nicht mehr – wie sonst üblich – zu einem garantierten Mindestpreis auf. „Stattdessen hatte die Regierung die Bauern aufgefordert, ihre Ernte sonst wo zu veräußern, schließlich müsse der Markt liberalisiert werden“, so Yego. „Die Bauern waren verzweifelt und wussten sich nicht zu helfen“. Anschließend ging die Getreideproduktion in Kenia stark zurück und führte zu Ernährungsengpässen. „EPA würde in seiner jetzigen Form die Situation weiter verschlimmern und die fragile Wirtschaftsstruktur der ostafrikanischen Länder endgültig zerstören“, befürchtet Helen Yego.

Andrew Charles Odete, geb. 1978, ist Anwalt für internationales Recht und koordiniert den Bereich Handel, Wirtschaft und Menschenrechte bei der Menschenrechtskommission KHRC, einer kenianischen Nichtregierungsorganisation. „Die Landwirtschaft ist das Rückgrat der kenianischen Gesellschaft“, so der Jurist, der schon viele Gemeinden vertreten hat, die ihre Landrechte gegen Großgrundbesitzer verteidigt haben. „Mit einem Stück Land kann man in Kenia der Armut entkommen“, erklärt Odete. Noch. Denn wenn EPA verabschiedet würde, müssten viele Bauern aufgeben. „Die Handelsbilanz würde sich weiter zu unseren Ungunsten verschieben, lokale Produktion zu Grunde gerichtet, und unsere Ernährung würde in einem hohen Grade abhängig von Importen gemacht“, befürchtet Odete, dessen Organisation 2010 eine erste Studie zur Folgenabschätzung der EPA veröffentlichte.  Dank Protesten von Bauernorganisationen und der KHRC liegen die Verhandlungen für den Abschluss der EPA derzeit auf Eis.

 

Philippinen

Ruth F. Salditos, geb. 1960, ist Ernährungsberaterin und leitet ein Projekt zum Fairen Handel auf der Insel Panay. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter produzieren Bananenchips und Vollrohrzucker, u.a. für den Verkauf in europäischen Weltläden. „Als Ernährungsberaterin in meiner Gemeinde habe ich vor allem mit verarmten Frauen gearbeitet“, erzählt Salditos. „Dabei wurde mir klar: Das Recht auf Nahrung ist eine eminent politische Angelegenheit“. Denn seit dem Beitritt zur WTO seien die Philippinen nicht mehr in der Lage, mit der eigenen Landwirtschaft ihre Bevölkerung zu ernähren. Außerdem befürchtet sie, dass mit der Finanzkrise in Europa auch die Nachfrage nach fair gehandelten Exportprodukten aus den Philippinen sinkt. „Die 500 Familien, die in unserem Projekt arbeiten, verdienen schon jetzt nicht genug, um damit ihre Grundbedürfnisse zu finanzieren“. Zusammen mit ihrer Organisation setzt sich Salditos für eine umfassende Landreform ein, damit mehr Menschen ihren eigenen Acker bebauen und so ihre Existenz durch Selbstversorgung sichern können.

Arze Glipo, geb. 1963, ist Entwicklungswissenschaftlerin und Koordinatorin des Asia Pacific Network on Food Sovereignty (APNFS), des Asiatisch-Pazifischen Netzwerkes für Ernährungssouveränität, in dem Frauen-, Konsumenten- und Bauernorganisationen aus neun Ländern zusammengeschlossen sind. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die soziale und wirtschaftliche Wirkungsanalyse von Handelsabkommen und Kreditprogrammen internationaler Organisationen. „Vor allem haben sie die Handlungsmöglichkeiten unserer Länder unterminiert, die eigene Landwirtschaft zu schützen“, so Glipo. „Nach dem Beitritt zur WTO Mitte der 90er Jahre mussten viele Reisbauern aus meiner Heimatregion aufgeben, weil die Marktpreise für ihren Reis nicht mehr die Kosten der Produktion und Kreditraten deckten.“ Das neue Abkommen mit der EU werde die Situation für Kleinbauern und Geflügelzüchter weiter verschlechtern. Die Alternative heißt „Ernährungssouveränität“, d.h. die Bevölkerung der Philippinen soll den Spielraum haben, über ihre eigene Ernährung entscheiden zu dürfen. „Wir von APNFS werden starken Druck auf Regierungen und internationale Institutionen ausüben, damit der Weltagrarmarkt demokratischer gestaltet wird. Nur so kann die Ernährung der Bevölkerung sicher gestellt werden.“